So passt auf, jetzt kommt der Knüller:
Roland hat mir angeboten, ein riesiges Zimmer in seiner Villa zu mieten - mitsamt eigenem Bad und zwei Balkonen. Zu einem Preis, den ich für jede andere, sehr viel schäbigere und kleinere Wohnung bezahlen müsste. "Steht eh leer und wird nicht genutzt", meint er. Er lässt es grad neu streichen, Möbel stehen auch drin.
Mir ist ganz schlecht, weil ich nicht weiß, was ich machen soll. Ich hätte auf Anhieb mein Wohnungsproblem gelöst (ist doch ganz schön schwer, hier eine gute Wohnung zu bekommen... zumal mitten in der Stadt, fußläufig zur Arbeit) und erstmal ein wirklich schönes Zuhause mit Meer- UND Tafelbergblick. Und altmodischem Flair. Der Restaurantbesitzer einer Pizzeria bewohnt auch noch eines der Zimmer mit eigenem Bad in dem Haus - zum selben Preis, den ich bezahlen würde. Von daher wäre ich nicht ganz allein mit Roland in dem großen Gebäude.
Andererseits gehen natürlich alle Alarmglocken an: Getrennt lebender, wohlhabender Typ, der sich ne Neukapstädterin ins Haus holt - wenn ich da mal nicht irgendwelche mir jetzt noch unbekannten Verpflichtungen eingehe. Noch traue ich ihm nicht zu, dass er unangenehm wird. Aber ich weiß auch nicht so richtig, was er von der ganzen Sache hat. Außer meiner Miete und meiner Gesellschaft. Vielleicht ist es einfach, dass er jemanden braucht, der ihm beim Erfolgreichsein zuschaut. Der aus einem anderen Leben stammt und ihm vergewissert: "Ja, Du führst wirklich, wirklich ein tolles Leben." Ich habe keine Ahnung.
Meine Vermutung, dass die wohlhabenden, deutschsprachigen Leute hier alle total gelangweilt sind, war total richtig. Sie wissen echt nicht, was sie den ganzen Tag außer Kaffee trinken und Essen gehen machen sollen. Ob man jetzt zum Formel-1-Rennen nach Bahrain oder zum Skifahren nach Zermatt fahren soll. Die treffen sich alle immer nur in einem von Roland´s Lokalen oder bei dem Mc-Donalds´s-Typen oder dem Tankstellen-Inhaber, weil sie hoffen, dass irgendwer mal etwas Neues erzählt. Tut aber keiner, alle sind unglaublich gelangweilt. Das Wetter ist toll, die Stadt herrlich, Geld hat man auch genug. Es ist alles im Prinzip total seelenlos. Roland ist das total bewusst. Seine große Sehnsucht ist daher das alte Europa, römische Architektur, Ursprünglichkeit und das "Wahre", wie er sagte. Er meint damit zum Beispiel abgeranzte, authentische DDR-Kneipen, Alleen mit jahrhundertealten Bäumen, alte Kaffeehäuser mit Tradition und Geschichte.
Auch ich habe gerade einen totalen Overkill von dem ganzen Weißwein trinken und im Restaurant-Essen der vergangenen Tage. Es macht einfach keinen Spaß mehr, wenn es immer geht (und jemand anderes bezahlt).
Ich freue mich unheimlich, morgen früh zu meiner Kirche in Langa zu fahren. Mit dem gerade eben noch fahrtauglichen, überfüllten, stickigen, schwarzen Minibustaxi - das aber voller Leben ist. Mit Leuten, die nach Schweiß stinken und Probleme haben, die sie mit ihren Mitfahrern lauthals diskutieren. Die in Township-Gegenden wohnen und trotzdem (oder gerade deshalb?) Freude am Dasein haben. Ich werde mir beim Minibustaxi-Stand ein riesiges, labbriges Weissbrot-Sandwich mit Rührei für 5 Rand (50 Cent) kaufen, das afrikanische Mamas in ihren Buden verkaufen. Ich werde mit den gutaussehenden, schwarzen Männern flirten, die da rumlungern und sich ihre muskelbepackten Körper extra antrainiert haben für vorbeikommende weiße Touristinnen wie mich ;-) Ich werde auf dem Weg dahin Angst haben, dass meine Handtasche geklaut wird. Ich werde aber auch Frauen treffen, die mich bis vor die Haustür der Kirche begleiten und mit ihnen in der Zwischenzeit einen netten Plausch haben. Ich werde während des Gottesdienstes viel lachen und singen, geplättet über die unglaublich guten Musiker und den unglaublich guten Chor sein und Verbundenheit mit anderen Menschen spüren.
Ich kann Euch sagen, ich habe in den letzten Tagen einen sehr guten Einblick in die weiße, obere, südafrikanische Gesellschaft bekommen. Wie in Amerika ist alles oberflächlich und funktioniert nur auf Pump. Der BMW vom Mc-Donald´s Heinzi ist nur geleast. Er hat keine Freunde, weil er ein stinklangweiliger Typ ist. Der einzige stete Begleiter ist sein Personal Trainer, der jeden Morgen ins Haus kommt und mit ihm Fitnessübungen macht. Daniel vom Restaurant "Mason's" führt den Laden nur, weil sein jüdischer Papa wollte, dass sein Sohn etwas zu tun hat. Stellt Euch das vor: Der Papa kauft dem Sohnemann mal eben ein Restaurant, nur, weil er sonst nichts zu tun hätte. Und der Sohnemann steht dann auch jeden Abend wie Falschgeld da rum und weiß gar nicht, was er machen soll, außer rumstehen und Chef sein. Möchte man tauschen?
In diesem Sinne: lebendig bleiben!
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