"Im viktorianischen Stil muss man alles doppelt und dreifach einrahmen. Das ist diese Verspieltheit, die man damals so gut fand", sagte Roland und zeigte auf die Fensterrahmen, den Kamin und den Teppichboden in seiner Villa. Er restauriert alte Gebäude nicht auf moderne Art und Weise, sondern so, wie sie ursprünglich mal ausgesehen haben. Das liest er sich dann in Büchern an und versucht es originalgetreu umzusetzen. Dafür hat er auch schon mal einen südafrikanischen Restaurationspreis bekommen. Die Sanierung dauert immer um die 2-3 Jahre, anschließend verkauft er die wieder top hergestellten Villen an reiche Russen oder schwule Yuppies, die auf sowas stehen. Solange die Sanierung dauert und manchmal ein paar Jahre darüber hinaus, wohnt er selber in den Häusern. Seine aktuelle Villa steht gerade zum Verkauf, denn er hat ein neues Objekt im Auge, das ihn reizt. 16 Millionen möchte er für seine Hütte haben. Ich weiß nicht, ob Rand oder Euro. Naja, in Euro wären das immerhin noch 1,6 Millionen. Das Anwesen befindet sich mitten in der Stadt in Tafelbergnähe und hat 8 Balkone und Terrassen.
Auf einer saßen wir gestern Abend und haben ein Glas Wein getrunken und Brot und Käse gegessen. Vielleicht ist er doch ganz in Ordnung, das konnte ich Freitag noch nicht so recht abschätzen. Ich glaube, auch ihm war klar, dass er vorgestern zu viel Gas gegeben hat. Daher haben wir uns beide zurückgehalten und über den Abend nur wenig Wein getrunken und vielleicht zwei Zigaretten geraucht. Angenehm. Darüber hinaus haben wir uns ganz gut unterhalten. Über seine Eltern, die seit 50 Jahren verheiratet sind. Seine Frau, die leider vor kurzem mit den Kindern ausgezogen ist. Und warum wir es nicht schaffen, wie unsere Eltern so lange mit einem Partner zusammen zu sein.
Ich bin mir nicht ganz sicher, warum er so viel Zeit mit mir verbringt. Ich passe in diese Kreise ja nicht wirklich rein. Viele wohlhabende Deutsche hier sind glaub ich gelangweilt. Sie haben genug Geld und freuen sich, wenn mal ein neues Gesicht auftaucht, wenn ihnen jemand mal etwas Anderes als das immer gleiche Kapstädter Business-Blabla erzählt. Annäherungsversuche hat er keine gemacht. Heute will er mich nach Hout Bay fahren, wo ich mir eine kleine, günstige Einliegerwohnung ("granny flat" nennt man das hier) ansehen möchte. Ich habe Angst, ihm irgendetwas schuldig zu sein. Man weiß ja, dass so etwas irgendwann unangenehm werden kann. Zurückgeben kann ich ihm nichts. Andererseits muss er es ja nicht tun. Vielleicht ist es genug, dass seine Kumpels ihn mit einer netten, noch unbekannten mittdreißiger Dame aus Deutschland umherdüsen sehen. Ein Mann muss ja immer auch durch seine weiblichen Begleitungen zeigen, dass er wer ist.
Seine Kumpels, das sind zum Beispiel der Besitzer der meisten Mc Donald´s Filialen in Kapstadt, einige Restaurantinhaber, der Besitzer der luxuriösesten Tankstelle hier und der Manager einer großen Supermarktkette. Es ist ganz interessant, zu wissen, wer wer ist. Aber seine Kumpels, das sind auch ein Typ im Rollstuhl, mit dem er sich sonntags oft auf einen Plausch trifft. Oder ein Alkoholiker, der immer sein Auto repariert, wenn es kaputt ist.
Da ist man am anderen Ende der Welt und sitzt in einer viktorianischen Villa, ist Butterbrot mit Salami, unterhält sich auf Deutsch, DIE ZEIT liegt auf dem Tisch, im Fernsehen spielt Bayern gegen Dortmund. Aber der Wein, der kommt aus Südafrika! Immerhin.
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