Die Book Lounge an der nächsten Straßenecke scheint vorzugsweise liebevoll gestaltete, besonders anrührende und ein wenig spinnerte Bücher zu verkaufen. Die Schaufenster haben die Besitzer mit Exemplaren dekoriert, die alle den "Ach guck mal, das ist ja abgefahren, sowas gibt es?" -Faktor haben.
Der Verkaufsraum im Erdgeschoss ist schon gemütlich eingerichtet (alte, knatschende Holzböden und Messing-Kronleuchter), wenn man aber ein paar Treppen in den Keller runtergeht, erwarten einen Sessel, Sofas, Tischchen und Stehlampen - bunt zusammgewürfelt, aber mit einem Händchen für feinsten "Shabby-Chic". An der kleinen Café-Bar gibt es Capucchino und Muffins mit bunten Verzierungen zu kaufen. Charmanter geht es kaum.
Samstagvormittags spielt manchmal die Book Lounge-Band. Dann schnappen sich drei der Inhaber (alle um die Mitte/Ende 30) ihre Klampfen und Drums und erzählen lustige Geschichten, in die sie Kinderlieder einbauen.
Hippe Papas und Mamas schlürfen derweil ihren Kaffee-Latte, während entzückende 3- und 4-Jährige mit offenem Mund den Geschichten lauschen.
Herzallerliebst ist das anzusehen.
Natürlich ist so eine Samstagsveranstaltung in einem Buchladen hier eine Weißen-Angelegenheit. Viele Familien haben jedoch schwarze Kindermädchen, und somit sieht man auch schwarze "Mmas" (=Mamas) mit weißen Kindern, die vermutlich von den weißen Eltern, die dafür keine Zeit haben, dahin geschickt worden sind.
Ich habe beim letzten Mal eine schwarze "Mma" gesehen, die sich so liebevoll um ihre weiße, schüchterne 4-Jährige gekümmert hat, dass ich fast vor Rührung heulen musste. Die Mma hat das Mädchen die ganze Zeit im Arm gehalten, ihr immer wieder über den Kopf gestreichelt, sie ermuntert, bei den Mitmachliedern mitzusingen, ihr Muffinstücke in den Mund gestopft. Man hat gefühlt, dass sie das kleine Mädchen über alles liebt, obwohl es nicht ihrs ist. Ihre eigenen Kinder leben wahrscheinlich in einer der Wellblechhütten in den Cape Flats oder bei Verwandten im Eastern Cape (ländliche Gegend, aus der die meisten Xhosa stammen und auch heute noch in Hütten mit Vieh drumrum und so leben). Hoffentlich hat sie keine Kinder (eher unwahrscheinlich. ALLE schwarzen Mmas haben Kinder...). Oder hoffentlich geht es ihren eigenen Kindern im Eastern Cape gut. Wenn sie das große Los gezogen hat, dürfen ihre eigenen Kinder mit in der weißen Familie wohnen. Aber dann wären die wohl am Samstag dabei gewesen.
Diese Zwiespalte muss man aushalten in Südafrika.
Man sieht allerdings auch weiße Frauen mit schwarzen Kindern dort. Sie nehmen sie mit in die Book Lounge, weil es Nachbars- oder Dienstmädchen-Kinder sind. Oder Freunde ihrer eigenen Kids. Oder sie haben eines adoptiert, keine Ahnung. Schwarz-weiße gemischte Familien hingegen sieht man eher seltener.
Auch ein indisch aussehender Vater war mit seinem Nachwuchs zugegen.
That´s Cape Town. Trotz Rassenunterschiede und verschiedenster kultureller Hintergründe kommen irgendwie doch alle miteinander klar (wundert mich manchmal sehr, sehr, sehr!).
Die Book Lounge hilft immer, wenn ich Heimweh oder schlechte Laune habe. Sie hilft auch, um diffuse "Was mach ich hier eigentlich, in diesem Land, in diesem Job?"-Gefühle wegzufegen.
Es ist der sympathischste Buchladen, den ich je gesehen habe.
www.booklounge.co.za

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