09 Mai, 2011

Neues von der Langa Baptist Church

Ich fahre immer noch regelmäßig nach Langa zum Gottesdienst. In der Zwischenzeit habe ich zwei, drei andere Kirchen in der Stadt ausprobiert. Die anderen Kirchen waren alle mixed-race und auch echt nicht schlecht, aber bei weitem nicht so soulful.

Das Worship-Team in Langa ist einfach einmalig. Jedes Mitglied ist charaktermäßig ein Unikat, es macht unglaublich Spaß, ihnen zuzuhören und zuzusehen. Der Keyboarder sitzt da immer in Anzug und Krawatte an seinen zwei Roland-Tastengeräten und haut so sehr in die Tasten, dass ich manchmal Angst habe, die Keyboards fallen gleich von ihren Ständern. Er ist sehr, sehr gut. Ein anderes Mitglied, ein feminin aussehender Basssänger, gibt zwischendurch gerne ulkige Tanzeinlagen.

Und obwohl alles so gospelmäßig-afrikanisch ist, hat Langa Baptist -was Organisiertsein angeht- alles im Griff und geht voll mit dem Trend:

  • Die Gottesdienste fangen IMMER pünktlich an.
  • Jeder Gottesdienst wird mit zwei Kameras (gute Standkameras, keine billigen Urlaubsdigicams) auf zwei Leinwände übertragen.
  • DVDs vom vorigen Gottesdienst kann man jeweils am nächsten Sonntag im Foyer kaufen.
  • Nach jedem Gottesdienst schickt Pastor Zondi eine Kurzzusammenfassung der Hauptpunkte seiner Predigt per Email an alle Mitglieder, die sich in die Mailingliste eingetragen habe. Und das macht er IMMER verlässlich, nicht nur ab und zu mal, wenn ihm danach ist.
  • Die Internetseite ist fast immer up to date.
  • Liedtexte werden zum Mitsingen auf den Leinwändern angezeigt.
  • Wenn die Lieder in Xhosa sind, wird ebenfalls die englische Übersetzung mit angezeigt.
  • Bibelstellen werden auf der Leinwand angezeigt.
  • Announcements auch.
  • Es gibt Fußball-, Kinder-, Teenager-, Frauen-, Männer- und Eltern-Gruppen.
  • Der Pastor ist gebildet und weltoffen. Er schreibt seine Emails in korrektem Englisch.
  • Die Predigten sind Themenpredigten und total nützlich im Alltag. Wenn er den Faden mal verliert, guckt der Pastor auf seinem roten Laptop nach.
  • Ende Mai sind südafrikanische Wahlen. Der Pastor ermuntert die Gemeinde, nicht unbedingt auf Teufel komm raus ANC zu wählen (!!!), sondern das, was das eigene Herz und der Verstand einem sagt. Die Hauptsache sei jedoch, überhaupt zu wählen. Er würde es gerne sehen, wenn alle Gemeindemitglieder wählen gehen würden.
  • Der Pastor ermuntert alle Eltern, ihre Kinder zur Schule und zur Uni zu schicken. Langa Baptist Church werde persönlich dafür sorgen, dass alle Kinder einen Uni-Abschluss machen können (wenn sie das wollen und nicht schon vorher schwanger geworden sind....).
  • Er holt Uniabsolventen aus den Kirchenmitgliedsreihen nach vorne und zeigt der Gemeinde: Hier, diese Jungs und Mädels aus Langa haben die Uni geschafft!
  • Er motiviert Männer aus der Gemeinde dazu, dass eine einzige Frau völlig genügt (der südafrikanische Präsident Zuma (ANC/Zulu) hat 5 Frauen...).

Und gerade weil man so viel gute Organisation und Weltoffenheit und Umgangsformen nicht in einem Township erwartet (dort erwartet man Chaos, Gedrängel, improvisierte Gegebenheiten, undurchsichtige Patchworkfamilienverhältnisse mit vielen Kindern, blinde ANC-Loyalität). Gerade weil diese Kirche alle Vorurteile und Erfahrungen sprengt und trotzdem die afrikanischen Wurzeln pflegt und kultiviert, mag ich sie so.

Es ist also möglich, afrikanisch im besten Sinne zu sein, und trotzdem modern und "westlich", sogar in einem Township.

Man muss dazu sagen, die Kirche befindet sich im "besseren" Teil von Langa, wo es kleine, bunte Steinhäuschen mit Strom und Wasser gibt und keine vermüllten Squatter-Camps. Der Pastor fährt Merzedes und hat glaub ich zu Hause sogar einen kleinen Pool, weil man zu ihm nach Hause kommen muss, wenn man getauft werden möchte (ich habe Bilder vom Taufpool gesehen).

Der Pastor und seine Frau
Ich mag den Pastor sehr gerne. Obwohl ich nur 50 % verstehe (da halb Xhosa, halb Englisch gesprochen wird), kann ich über die Xhosa-Witze lachen, die er macht. Er freut sich über seine eigenen Witze auch immer sehr und kichert dann spitzbubenhaft. Als er letztens zwei Wochen in Zimbabwe war und ein anderer Pastor ihn vertreten hat, habe ich Pastor Zondi eine Email geschrieben, dass er sehr gefehlt hat. Ich war in der Tat enttäuscht und hatte Angst, dass er nicht wiederkommt. Er hat zurückgeschrieben, sich gefreut und sich bedankt.

Ich habe noch nie persönlich mit Pastor Zondi gesprochen, aber ich weiß, dass er jeden Sonntag Notiz von mir nimmt (ist ja nicht so schwer, bin die einzige Weiße). Wir haben manchmal Blickkontakt während des Gottesdienstes, und er schreibt mir ab und an Emails. Er fragt dann, ob alles okay ist, wenn ich sonntags einmal nicht beim Gottesdienst war. Oder er schreibt, dass er sich wieder gefreut hat, mich in Langa zu sehen.

Trotzdem finde ich schlecht Anschluss. Ich weiß nicht, was ich mit meinen Sitznachbarn reden soll. Die kommen aus einer völlig anderen Welt als ich. Nach der Kirche ist immer großes Hallo und alle unterhalten sich draußen miteinander. Ich kann mich ja schlecht in eine Gruppe stellen und sagen: Hi Mmas, I´m Sabine, how are you?

Ich nehme mir jeden Sonntag vor, mal jemanden anzusprechen, aber wenn ich da bin, bin ich zu schüchtern und weiß nicht, was ich sagen soll. Mit den Männern möchte ich mich auch nicht nur unterhalten, weil womöglich die Frauen dann schlecht von mir denken. Außerdem sind alle total mit Begrüßen und Verabschieden von Freunden und Bekannten beschäftigt. Über das simple "I have to tell you I enjoyed your service really much" sind wir jetzt schon weg, dafür war ich zu oft da.

Ein weiteres Problem ist, dass ich Leute, mit denen ich schonmal gesprochen habe, am nächsten Sonntag manchmal nicht wiedererkenne. Die Frauen tragen oft eine völlig andere Frisur (meist Perücken oder Haarteile, mal lang, mal kurz, mal Natur in kraus-kurz), und für mich sind irgendwie immer noch alle einfach SCHWARZ, sofern sie kein markantes Gesicht haben. Ihr kennt das doch sicher, für uns in Deutschland sehen doch auch alle Asiaten irgendwie gleich aus, oder?

Manchmal sagen Frauen nach dem Gottesdienst zu mir: "Thank you for your attendance, God bless you!" Weil sie glauben, ich bin nur eine Touristin und komme nicht wieder, weil ich weiß bin.

Schwierig. Schwierig. So fühlt es sich an, wenn man "anders" in Hautfarbe und kulturellem Hintergrund ist. Gute Lektion. Wer weiß, wozu gut.