09 Mai, 2011

Noch eine Lektion: "Wie schwierig es ist, schwarz-weiße Brücken zu bauen"

In meiner Wohnanlage sitzen an der Rezeption 24 Stunden lang junge, schwarze Typen, die Wache schieben. Einer sitzt am Schreibtisch, vor der Sicherheitstür und den Überwachungsmonitoren, der andere geht ständig mit Taschenlampe das Gebäude ab und guckt, dass sich kein Einbrecher einschleicht.

Einen davon mag ich. Und er mag mich auch, wir sind uns sympathisch. Er heißt (oder nennt sich...) "Wise" und kommt aus dem Kongo. Flüchtlings-Aufenthaltsgenehmigung. Er sagt, er habe Informatik studiert und mache den Security-Job nur, um zu überleben. Er hat sogar mal in Paris gelebt, als er klein war. In Straßbourg war er auch und weiß, dass da die Grenze zu Deutschland liegt. Er ist gebildet und ein netter Typ. Wir unterhalten uns über alltägliche Sachen. Ob die Amis wirklich Osama bin Laden umgebracht haben. Wie es im Kongo ist. Wie es in Deutschland ist.

Ich weiß, dass Security-Leute sehr schlecht verdienen. 3000 oder 4000 Rand (300 oder 400 Euro) im Monat vielleicht, würd ich schätzen. Leute aus dem Kongo oder aus Zimbabwe arbeiten für noch weniger Geld als die schwarzen Südafrikaner, heißt es allgemein. Ich frag mich immer, wie man davon leben kann. Aber das ist der Durchschnittslohn. Wohnen tut man bei so einem Lohn mit 3 Leuten in einer Hütte in den Cape Flats - anders kann ich mir nicht vorstellen, wie man durchkommt.

Wise fragt viel. Ich glaube, aus reinem Interesse an meiner Person. Ich weiß das zu schätzen, bin aber ständig auf der Lauer. Ich frage ihn nie "wichtige" Sachen.

Wise fragt, ob ich verheiratet bin. Warum ich keine Kinder habe. Ob ich alleine wohne.
Wann ich arbeiten muss und frei habe. Ich weiche ständig aus. Ich will nicht, dass er die genauen Zeit kennt, weil er dann genau wüsste, wann in meinem Apartment keiner da ist.

Ich würde nie fragen, wo er zu Hause ist. Ich habe Angst, dass er  "Kayelitsha" sagt und ich dann entweder ein bedrücktes Gesicht mache oder, um davon abzulenken, mit viel zu hoher Stimme sage: "Ah, I´ve been to Kayelitsha twice."
Ich meine, 2 Millionen Kapstädter wohnen im Township Kayelitsha, aber irgendwie will kein Weißer so ganz genau wissen, wo die schwarzen Security-leute, Gärtner, Putzfrauen, Küchenhilfen und so weiter WIRKLICH leben. Und jetzt geht es mir genau so! Ich will nicht wissen, dass er möglicherweise keinen Strom hat und kein Klo. Ich wähne mich lieber in dem naiven Glauben, so schlecht ginge es ihm bestimmt nicht, er und seine Klamotten sähen doch total gut und anständig aus.

Heute Abend habe ich Hackfleisch mit Tomatensauce und Reis gekocht. Ich könnte zwei Tage davon essen. Ich könnte aber auch runtergehen und Wise eine Portion bringen. Ich traue mich nicht. Ich traue mich nicht, weil ich nicht will, dass er sein Gesicht verliert, weil ich ihm Essen bringe. Ich traue mich nicht, weil ich Angst habe, dass er möglicherweise den Abstand verliert und mich irgendwann in den nächsten Tagen nach Geld fragt. Ich habe in Ostafrika oft erlebt, dass man erst nett miteinander ist, mehrere Tage lang, und irgendwann kommt in 99% der netten Bekanntschaften die Geldfrage auf den Tisch und schon ist alle Nettigkeit dahin. Ich traue mich nicht, weil ich nicht will, dass er meine Schüssel zu meinem Apartment zurückbringt und er dann weiß, in welchem Apartment ich wohne.

Also friere ich das Tomatenhack ein. Für morgen. Wise würde vielleicht gerade nichts lieber essen. Hauptsache, überhaupt was zu essen. Und dann auch noch Fleisch! So sitzen wir da, jeder für sich allein, im selben Gebäude. Er möglicherweise hungrig, ich mit einer Portion zu viel in der Pfanne.
Die Vertiefung unserer netten Bekanntschaft habe ich zusammen mit dem Tomatenhack gleich mit eingefroren.

Wise und ich, wir wollen beide die Brücke. Ob sie jemals gebaut wird, ist eine andere Sache...

Gutes tun und sich gegenseitig helfen ist so schwierig und gefährlich in (Süd)-Afrika.

Vielleicht mache ich mir unnütze Sorgen, und Wise geht es gar nicht so schlecht. Vielleicht hat er noch einen zweiten Job irgendwo. Zahlreiche Township-Biographien sowie meine Erfahrungen aus Ost-/SüdAfrika sagen mir aber: "Meistens geht es den Leuten NOCH schlechter, als man sich vorstellen kann."

Vielleicht ist mein Misstrauen unbegründet und Wise würde mich niemals nach Geld fragen oder mich ausnutzen. Man kann das jedoch nicht wissen, also lässt man sich besser nicht ein.

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