10 Januar, 2012

Andererseits

Während ich Euch schreibe, schaue ich auf folgendes (siehe erstes Bild). Im Hintergrund sehen Sie die Lichter der Stadt und Table Mountain, vor kurzem als eines der »New Seven Wonders of Nature« gekürt.

Die anderen Bilder zeigen Street- und Beach-Life.

Fragen?


Facing Table Mountain















Sea Point Beach















Sea Point Youth

04 Januar, 2012

Michael Jackson

»Du musst die Codes kennen, dann kannst Du hier auch gut leben«, sagt Roland.

Und weiter sagt er: »Ich gebe Dir ein Beispiel: Jede Woche wird ja bei mir der Müll abgeholt. Eines Tages stieg einer der schwarzen Müllabfuhr-Mitarbeiter aus dem Müllwagen, schaute an meinem Haus hoch (das ganz offensichtlich keinem armen Mann gehört), und sagte:

»Sir, my name is Michael Jackson and this is my number.«

Er drückte mir einen Zettel in die Hand. Ich sagte: »Okay, ´Michael Jackson´, it´s fine.«

Michael Jackson kommt nun immer, wenn ich ihn anrufe, und holt meinen ganzen Scheiß-Sondermüll ab. Er kommt auch zwischendurch und nimmt alles, aber auch alles an Kram mit. Kostet mich pro Anruf 100 Rand (10 Euro).

Hast kapiert, Sabine?"

Selbst wenn jemand Michael Jackson anschwärzen wollte, weil er mit dem städtischen Müllwagen in die eigene Tasche wirtschaftet: Der Name ist falsch, niemand weiß, wer er wirklich ist, und eine zweite Handynummer für »ganz private Zwecke« hat in Südafrika auch jeder.

So tickt das hier.

02 Januar, 2012

We live in constant fear

»We live in constant fear«, so heißt nicht nur eine Zeile eines Songs der aus Südafrika kommenden Band »Dear Reader«, sondern das bezeichnet tatsächlich ein Lebensgefühl.

Touristen und neu Zugezogene wollen das immer nicht recht glauben, denn die Straßen sind doch sauber, die Lichter brennen, die Häuser sind neu gestrichen, die Läden voll. Und die Schwarzen, die sind doch so nett!

Ich wollte es anfangs auch nicht glauben.

Aber hier die aktuelle Kriminalitätsstatistik von mir und Leuten aus meinem Umfeld:

Gisa (beste Freundin):

1. Diverse Male Batterie aus ihrem parkenden Auto geklaut, Scheibe hinten eingeschmissen. Irgendjemand hat einen Batteriehandel mit ihren Batterien beliefert. Sehr mühsam, ständig neue zu kaufen. Selbst auf die Lauer legen hat nicht geholfen. Dann kamen die Diebe nämlich nicht.

2. Toter vor der Haustür, den eine schwarze Straßengang aus dem fahrenden Auto geworfen hatte. Konsequenzen: keine. Die Mörder hat man festgenommen, doch wieder freigelassen. Wahrscheinlich hatten sie genügend »Kleingeld«, um sich bei der Polizei freizukaufen. Oder die Polizei hatte selber Schiss vor der Gang. Gerechtigkeit? Was ist das denn.

3. DVD-Player aus dem Haus geklaut (es war ein schwarzer Nachhilfeschüler ihres Mitbewohners, einem engagierten Lehrer).

Andi (Arbeitskollege):

1. Abends nettes, schwarzes Mädel mit nach Hause genommen, am nächsten Tag waren Laptop und Handy weg. Und das Mädel war natürlich auch weg;-)

2. Eben noch einen Drink mit netten, sympathischen »Locals« in einer Bar gehabt, Minuten drauf zusammengeschlagen (höchstwahrscheinlich von denselben, netten »Locals«) in der belebten Ausgehstraße "Long Street", blaues Auge, blaue Rippen. Stunden später vor der Hautür aufgewacht, blutend. Kreditkarte weg, Konto leergeräumt bis auf den letzten Cent. Er muss den Schlägern während des Zusammenschlagens den Pin genannt haben. Hat man die Typen gekriegt? Natürlich nicht.

Gesine (Arbeitskollegin):

1. Im Schlaf ausgeraubt. Jemand muss durchs Fenster gekommen sein und hat Laptop und Handy mitgenommen. Ohne, dass sie es bemerkt hat. Gruselig. Weil sie dann Schiss in der Wohnung hatte, hat sie bei einer Freundin übernachtet am nächsten Abend.

2. Was passiert am nächsten Morgen? Auto aufgebrochen, Soundanlage weg.

Besitzer der ENGEN-Tankstelle bei mir in der Näher:

1. Alles hochgesichert, Kameras überall, Safes mit Doppelcodes. Eine neue, schwarze Angestellte spaziert eines Morgens mit 26.000 Rand aus der Kasse einfach aus der Tür raus. Ihr Name, ihre Anschrift, Telefonnummer: alles gefälscht. Perücken oder Kunsthaar tragen die eh alle. Die hat man nicht gekriegt.

Ich:

1. Bei einem Spaziergang Sonntagnachmittag steht auf einmal ein Kerl mit einem Messer vor mir. Handy, Bargeld weg.

2. Beim Einkaufen zweimal Handy, Brieftasche: weg. Darüber regt man sich schon gar nicht mehr auf!

3. Ein kongolesischer Bekannter räumt mir die Bude leer. Laptop, Kamera weg. Bei der Polizei gewesen, die haben ihn sogar verhaftet. Er streitet alles ab und belügt die Polizei. Die Polizisten sind nicht die hellsten hier, das kommt noch dazu. Lange Rede, kurzer Sinn: Außer Spesen nichts gewesen. Gerechtigkeit? Wie buchstabiert man das?

Es gibt unzählige Geschichten mehr. Sie wiederholen sich alle. Jeder aus meinem Umfeld hat hier schon sein Fett weg bekommen.

Gisa sagt immer:

»Man kann froh sein, wenn der Kopp noch dran ist.«

Es ist unglaublich mühsam manchmal.
Und leider machen diese ganzen Erfahrungen das Miteinander zwischen Schwarz und Weiß auch nicht grad einfacher.

13 August, 2011

6 Dinge

Schon die weißen Siedler wussten, wie man es sich am Kap höchst gemütlich einrichtet. In Kapstadt kann man einen westlichen Lebensstandard mit allen Schikanen führen. Man wohnt in hippen Apartments, trinkt Jägermeister auf Eis in durchgestylten Bars, ist mit dem Macbook lässig Wi-Fi-mäßig unterwegs, fährt BMW und kauft seinen Billabong-Sweater in einer schicken Shoppingmall, die Wachleute sind mit Segways unterwegs. An ein paar Dingen merkt man jedoch trotzdem, dass man eigentlich in Afrika ist:


1. Im Fernsehen wird angezeigt, wenn die Elektrizitätsversorgung der Stadt ein kritisches Level erreicht. Man wird dann per Fernseher aufgerufen, unnötige Stromquellen auszuschalten. Leute haben mir erzählt, dass früher der Strom noch öfter ausgefallen ist. Ich habe das bisher jedoch kein einziges Mal erlebt.

Ein Problem ist, dass Kupferdraht sehr begehrt ist (weil gut zu verkaufen), und daher ganze Leitungen oft von Dieben gekappt und "geklaut" werden. Die Diebe sind halt arm - aber einfaltsreich ;-)

2. Im Radio laufen Songs, die Du seit 20 Jahren nirgends mehr gehört hast. "Ace of Base", "MC Hammer" oder auch "Sandra" werden hier gespielt, als seien es die neusten Hits. Wann habt Ihr zum letzten Mal "Funky cold Medina" gehört? Ich wusste gar nicht mehr, dass dieses Lied überhaupt existiert hat! Beim Hören hab ich dann aber doch die Fenster runtergekurbelt, die Sonnenbrille tiefer ins Gesicht rutschen lassen, den Ellenbogen rausgenommen und ganz cool mitgesprochen 
"So I got up and strolled over 
To the other side of the cantina 
I asked the guy: "Why you so fly?" 
He said: "Funky cold medina"!" 
Muss ich demnächst unbedingt bei iTunes runterladen!

3. In jedem Supermarkt gibt es Bibeln zu kaufen.

4. Wenn Du Geld abheben möchtest, fragt Dich der Geldautomat vorher, ob er in Afrikaans, Englisch, Setswana, Xhosa, isiSotho, Zulu oder den restlichen 5 Landessprachen mit Dir sprechen soll.

5. Wenn man schwarze, renommierte Sterneköche, die täglich mit den feinsten Speisen hantieren und garantiert ein raffiniertes Austernrezept kennen, fragt, auf welche Speise sie in ihrem Leben auf keinen Fall verzichten wollten, dann antworten sie: "Pap natürlich!"

Pap ist eine feste Maismehlpampe, DIE Arme-Leute-Speise und wird in ganz Afrika morgens, mittags, abends und zwischendurch gegessen.

6. In afrikanischen Gesichtern findet man reine, ursprüngliche Freude, die auf Dich abstrahlt. Der Grund der Freude: Am Leben sein. Mehr nicht. In manches afrikanisches Gesicht guckst Du, und Du weißt auf Anhieb alles. Alles, was die Person in sich drin trägt. Haben wir verlernt, unsere Seele nach Außen zu kehren?

12 Juni, 2011

CA 100 488

Wir Deutschen wissen, wie man Autos für die Ewigkeit baut.

CA 100 488 ist knapp 30 Jahre alt, hat 220 000 Kilometer auf dem Tacho, besitzt innen feinste Lederauskleidung und fährt wie ne Eins.

Ich bin total verliebt, stolz und fühle mich wie die Königin der Straße, wenn ich mit ihm unterwegs bin.
Mein Merzedes hat noch diese schwere, runterklappbare Armlehne zwischen Fahrer- und Beifahrersitz - erinnert Ihr Euch? Zündschlüssel drehen, Motor schnurren hören, Radio einschalten, Sonnenbrille aufsetzen, linken Arm bequem überm Schaltknüppel ablegen und losgefahren!

Ich verspreche, CA 100 488 so gut zu pflegen, dass er möglicherweise auch die nächsten 220 000 Kilometer noch schafft.

15 Mai, 2011

Pinkeln und Politik

Jetzt Mittwoch wird in Südafrika gewählt, und die diesjährigen Wahlen gehen schon im Vorherein als "Die Toiletten-Wahlen" in die Geschichte ein.

Wie schon mehrmals erwähnt, gibt es in den Townships (wie in großen Teilen des gesamten Kontinents) keinen Strom und keine vernünftige Wasserversorgung. Ergo auch keine Wasserklos. Die meisten Wellblechhütten-Bewohner teilen sich ein Plumsklo oder verrichten Ihr Geschäft einfach vor der Tür oder in Blecheimern in Ihrer Wohnung. Das verursacht bei so vielen Menschen auf so engem Raum Krankheiten und Seuchen. Ich kann mich erinnern, letztes Jahr schon gelesen zu haben, dass irgendwer in Afrika die Idee hatte,  "Kacktüten" an die Menschen zu verteilen, die man anschließend biologisch abbaubar in den Müll werfen kann. Das ist kein Scherz.

Doch dieses Jahr krempelte man zumindest in Kapstadt die Ärmel hoch und wurde endlich tätig. Im Vorwege der Wahlen hat die zuständige Behörde in Kayelitsha eine ganze Reihe von Wasserklos aufstellen lassen, um zu zeigen: "Wir kümmern uns!". Leider hat man nur die Toiletten aufgestellt und keine Häuschen drumrum. Das heißt, die Leute sitzen mitten in der Landschaft -öffentlich und von jedem sichtbar- auf Ihren weißen, neuen Wasserklos und pinkeln.

Die Empörung unter den Township-Bewohnern war groß. Die Cartoonisten hatten neben dem Dauerbrenner "Jacob Zuma" zur Abwechslung ein neues Thema, bei dem Sie so richtig aus dem Vollen schöpfen konnten.

Komischerweise will nun niemand mehr für den Aufbau der öffentlichen Outdoor-Toiletten verantwortlich sein. Der ANC ("African National Congress", Südafrikas regierende Partei, in dessen Zuständigkeitsbereich der Distrikt glaub ich fällt ..) behauptet nun: "Die DA (Demokratische Allianz, Weißen-Partei, hat Vorherrschaft in Kapstadt) hat die Toiletten aufgestellt! Seht mal, was für einen Schwachsinn die verzapfen!"

Die DA behauptet: "Daran, dass der ANC zu solchen Lügen fähig ist und nicht soweit denkt, um die Toiletten auch noch Mauern zu bauen, seht Ihr, wie unfähig diese Regierung ist!"

Da in den Townships Millionen von Menschen wohnen, entzündet sich das hitzige Wahlklima nun an einer Reihe von Toilettenschüsseln, die in der Landschaft stehen.

DA und ANC streiten sich -soweit ich das verstanden habe- gerade vor Gericht, wer nun diese Wasserklos in Auftrag gegeben hat und wer nun wen verleumdet.

Willkommen in Afrika!

09 Mai, 2011

Lese-Oase

Die Book Lounge an der nächsten Straßenecke scheint vorzugsweise liebevoll gestaltete, besonders anrührende und ein wenig spinnerte Bücher zu verkaufen. Die Schaufenster haben die Besitzer mit Exemplaren dekoriert, die alle den "Ach guck mal, das ist ja abgefahren, sowas gibt es?" -Faktor haben.

Der Verkaufsraum im Erdgeschoss ist schon gemütlich eingerichtet (alte, knatschende Holzböden und Messing-Kronleuchter), wenn man aber ein paar Treppen in den Keller runtergeht, erwarten einen Sessel, Sofas, Tischchen und Stehlampen - bunt zusammgewürfelt, aber mit einem Händchen für feinsten "Shabby-Chic". An der kleinen Café-Bar gibt es Capucchino und Muffins mit bunten Verzierungen zu kaufen. Charmanter geht es kaum.

Samstagvormittags spielt manchmal die Book Lounge-Band. Dann schnappen sich drei der Inhaber (alle um die Mitte/Ende 30) ihre Klampfen und Drums und erzählen lustige Geschichten, in die sie Kinderlieder einbauen.
Hippe Papas und Mamas schlürfen derweil ihren Kaffee-Latte, während entzückende 3- und 4-Jährige mit offenem Mund den Geschichten lauschen.
Herzallerliebst ist das anzusehen.

Natürlich ist so eine Samstagsveranstaltung in einem Buchladen hier eine Weißen-Angelegenheit. Viele Familien haben jedoch schwarze Kindermädchen, und somit sieht man auch schwarze "Mmas" (=Mamas) mit weißen Kindern, die vermutlich von den weißen Eltern, die dafür keine Zeit haben, dahin geschickt worden sind.

Ich habe beim letzten Mal eine schwarze "Mma" gesehen, die sich so liebevoll um ihre weiße, schüchterne 4-Jährige gekümmert hat, dass ich fast vor Rührung heulen musste. Die Mma hat das Mädchen die ganze Zeit im Arm gehalten, ihr immer wieder über den Kopf gestreichelt, sie ermuntert, bei den Mitmachliedern mitzusingen, ihr Muffinstücke in den Mund gestopft. Man hat gefühlt, dass sie das kleine Mädchen über alles liebt, obwohl es nicht ihrs ist. Ihre eigenen Kinder leben wahrscheinlich in einer der Wellblechhütten in den Cape Flats oder bei Verwandten im Eastern Cape (ländliche Gegend, aus der die meisten Xhosa stammen und auch heute noch in Hütten mit Vieh drumrum und so leben). Hoffentlich hat sie keine Kinder (eher unwahrscheinlich. ALLE schwarzen Mmas haben Kinder...). Oder hoffentlich geht es ihren eigenen Kindern im Eastern Cape gut. Wenn sie das große Los gezogen hat, dürfen ihre eigenen Kinder mit in der weißen Familie wohnen. Aber dann wären die wohl am Samstag dabei gewesen.

Diese Zwiespalte muss man aushalten in Südafrika.

Man sieht allerdings auch weiße Frauen mit schwarzen Kindern dort. Sie nehmen sie mit in die Book Lounge, weil es Nachbars- oder Dienstmädchen-Kinder sind. Oder Freunde ihrer eigenen Kids. Oder sie haben eines adoptiert, keine Ahnung. Schwarz-weiße gemischte Familien hingegen sieht man eher seltener.

Auch ein indisch aussehender Vater war mit seinem Nachwuchs zugegen.

That´s Cape Town. Trotz Rassenunterschiede und verschiedenster kultureller Hintergründe kommen irgendwie doch alle miteinander klar (wundert mich manchmal sehr, sehr, sehr!).

Die Book Lounge hilft immer, wenn ich Heimweh oder schlechte Laune habe. Sie hilft auch, um diffuse "Was mach ich hier eigentlich, in diesem Land, in diesem Job?"-Gefühle wegzufegen.

Es ist der sympathischste Buchladen, den ich je gesehen habe.

www.booklounge.co.za